Das Geschäft mit den Pillen und wer davon profitiert
Die Pharmaindustrie ist einer der größten Wirtschaftszweige in Europa und ein wesentlicher Bestandteil des Gesundheitswesens. Ihre wichtigsten Produkte sind unter anderem rezeptfreie und verschreibungspflichtige Arzneien, sowie diverse Impfstoffe. Neben der Herstellung von Medikamenten beschäftigen sich die Pharmaunternehmen außerdem mit Forschung und Entwicklung.
Und das Geschäft mit den Pillen brummt, allein in Deutschland liegt der Umsatz jährlich bei rund 45 Milliarden Euro. Europa lag, mit den finanzstärksten Pharmamärkten in Deutschland (an erster Stelle!), Frankreich und Italien, im Jahr 2009 mit einem Umsatz von etwa 264 Milliarden US-Dollar nach Japan auf Platz drei im weltweiten Ranking, an die Spitze abgesetzt hatte sich Nordamerika mit einem Umsatz von 324 Milliarden US-Dollar.
Außerdem wurde die Produktion an Pharmazeutika auf den Märkten in den USA, Japan und Europa zwischen 1990 und 2008 verdoppelt!
Da fragt man sich, ob sich die Krankheiten verdoppelt haben, die Menschen doppelt so oft daran leiden, oder doppelt so schmerzempfindlich geworden sind. Laut einer Umfrage im Jahr 2010 vertrauen 57 Prozent der Befragten in Deutschland darauf, dass die Pharmaindustrie "das Richtige tut", kein Wunder also, dass wir so viele Medikamente schlucken oder sie uns spritzen lassen. Fest steht jedenfalls, dass wir viel Geld für unsere Gesundheit bezahlen, denn Deutschland ist immer noch ein Pillendreherparadies.
In keinem anderen Land in Europa kann die Pharmaindustrie die Preise so willkürlich festsetzen wie in Deutschland, denn: jede zugelassene und patentgeschützte Arznei muss die Kasse auch bezahlen, und der Pharmakonzert kann frei bestimmen, wie hoch der Preis für das Medikament ist. Im Jahr 2009 haben die Krankenkassen 9,14 Milliarden Euro für patentgeschützte Arzneimittel ausgeben, 15 Prozent mehr als noch im Jahr davor.
Aufgrund dieser Einzigartigkeit der freien Preisbestimmung ist Deutschland zu einer Art Referenzmarkt geworden - die Behörden in Frankreich beispielsweise kupfern die Preise ab und reduzieren sie um 20 Prozent, die Arzneimittelhersteller haben da KEIN kleines Wörtchen mehr mitzureden.
Und warum ist das in Deutschland so? Weil die Nachfrage so enorm hoch ist und die Unternehmen gute Steuerzahler sind.
Kritisch wird jedoch behauptet, dass die deutschen Ärzte viel zu viele und teure Pillen verschreiben und die Pharmaindustrie die Einführung von billigeren Generika in die Europäischen Union verzögert oder sogar teilweise blockiert.
Allerdings könnte bei den Originalpräparaten noch mehr gespart werden, als bei den Generika, da beispielsweise innovative Biotech-Medikamente wahre Kostentreiber sind.
Doch dieser Riegel, den es vorzuschieben gilt, ist schwer und vermutlich bereits rostig.
Fakt ist aber natürlich auch, dass mit den höheren Umsätzen in der Branche auch die Anzahl der Beschäftigten steigt, waren es 1995 noch rund 73.000 Personen, sind es mittlerweile bereits etwa 120.000, die in deutschen Pharmaunternehmen arbeiten. Das bedeutet, dass nicht nur die Riesen, die Konzerne, von den steigenden Umsätzen und der Pillenverliebtheit der Deutschen profitieren, sondern auch die Arbeitnehmer. Besonders attraktiv ist hierbei der Beruf des Pharmareferenten.
Ein Pharmareferent hat in Heilberufen Tätige fachlich über jede Art von Arzneimittel zu informieren und auch über die Rechtsvorschriften aufzuklären, für die Produkte des Pharmakonzerns, für den er tätig ist, zu werben und Rückmeldungen, beispielsweise von Ärzten, über unerwünschte Nebenwirkungen oder Einnahmeprobleme zu dokumentieren und die Aufzeichnungen an den Auftraggeber weiterzuleiten - er ist also eine Art Scout im Medikamentendschungel.
Im Rahmen seiner Tätigkeit ist der Pharmareferent natürlich in ganz Deutschland unterwegs, besucht dabei regelmäßig Großstädte wie in Köln, München, Frankfurt und so weiter. Nach seinen Beratungsgesprächen mit den jeweiligen Ärzten und in den Apotheken, insgesamt hat man etwa acht Termine pro Tag, nächtigt er in einem möbilierten Appartement oder in einer Pension. Vertreter großer Pharmakonzerne reisen auch ins Ausland, besuchen zum Beispiel französische Ärzte und übernachten in einem der landestypischen Appartement im Herzen von Paris. Der Gehalt dieses Außendienstmitarbeiters, der ständig auf Achse ist, liegt dabei im Durchschnitt bei 3.500 Euro brutto im Monat.
Doch es gibt, wie in jedem Beruf, auch Schattenseiten: Mehr als die Hälfte der Zeit, die man unterwegs ist, entfällt auf Autofahrten, aber auch auf Wartezeiten, da nicht jeder Arzt immer sofort Zeit hat, wenn man auftaucht, da beispielsweise die Praxis gerade zum Bersten voll ist. Etwa 30 Arbeitstage im Jahr entfallen außerdem auf Büroarbeiten und auf die Fortbildung.